Das System der "Umerziehung durch Arbeit" (RTL = Re-education through Labour) existiert in China seit Mitte der 1950er Jahre. Es handelt sich dabei um eine Art administrativer Inhaftsetzung. Menschen, die unter den Bedingungen von RTL verhaftet werden, haben weder das Recht, sich einen Anwalt zu nehmen, noch, sich vor Gericht zu verteidigen. Eine RTL Strafe kann in der Regel "eigenmächtig" durch die Polizei ohne richterliche Kontrolle oder Überprüfung verhängt werden. Das gegenwärtige System ermöglicht es, Menschen bis zu 3 Jahren in einer RTL Einrichtung festzuhalten. Die Strafe kann, "wenn nötig", um ein weiteres Jahr verlängert werden.
RTL existiert in China als eigenes Strafsystem parallel zum Strafrechtssystem. Die Entscheidung, ob eine Person in eine RTL Einrichtung geschickt wird oder eine gerichtliche Strafverfolgung stattfindet, hängt von der subjektiven Einschätzung der Polizei ab, ob eine bestimmte Handlung ein "illegales Verhalten" darstellt und somit in den Zuständigkeitsbereich von RTL fällt oder ob es sich um ein schwerwiegenderes "Verbrechen" handelt, für das dann die Gerichte zuständig sind. In einer juristischen Fachzeitschrift ist RTL einmal als Bestrafung für Vergehen bezeichnet worden, die "irgendwo zwischen den Kategorien Verbrechen und Irrtum" liegen.
Die umfassenden polizeilichen Befugnisse bei der Entscheidung, eine Person in Gewahrsam zu nehmen, werden regelmäßig auf verschiedenste Art und Weise mißbraucht. So wird berichtet, daß die Polizei die formale Anklageerhebung umgeht, wenn ihrer Meinung nach die Beweislage für eine Verurteilung nicht ausreicht, und stattdessen verdächtige Personen in Umerziehungslager schickt; außerdem sollen Personen, die vor Gericht freigesprochen wurden, unmittelbar nach ihrer Freilassung von der Polizei verhaftet und in Umerziehungslager geschickt worden sein; es ist durchaus üblich, daß die Haftstrafen von Personen, die gegen die Verhängung einer RTL Strafe Revision einlegen – was theoretisch möglich ist –, über die ursprünglich festgesetzte Dauer hinaus verlängert werden, weil allein schon der Entschluß, gegen eine Entscheidung in Berufung zu gehen, zeige, daß die betreffende Person "nicht wirklich bereit sei, sich zu bessern." Personen, die gegen die Umerziehungsmaßnahme in Revision gehen, setzten sich zudem der Gefahr aus, geschlagen oder auf andere Weise gefoltert oder mißhandelt zu werden, da ihr Beschluß als Weigerung aufgefaßt wird, ihre "Verbrechen" zu widerrufen.
Da es darüberhinaus nur sehr vage Definitionen davon gibt, welche Verhaltensweisen für eine Bestrafung durch RTL in Frage kommen, haben die Behörden einen weiten Ermessensspielraum bei der Verhaftung von Menschen, die auf friedliche Art protestieren oder eine abweichende Meinung vertreten. Dadurch können "sensible" Fälle von den Gerichten ferngehalten werden, die in der Öffentlichkeit eine negative Wirkung erzeugen könnten.
Auf der Grundlage des Legalitätsprinzips sowie der Standards für eine faire Gerichtsverhandlung und gegen willkürliche Verhaftung der internationalen Menschenrechtsgesetzgebung fordert Amnesty International die konsequente Abschaffung von RTL. Zudem wird regelmäßig über Folter und andere grausame, inhumane und erniedrigende Handlungen in Umerziehungslagern berichtet. Die Anwendung von Folter ist in China in jeglicher Art von Strafvollzug nach wie vor weit verbreitet.
RTL ist derzeit Gegenstand einer breiten juristischen Debatte in China. Eine Neuregelung der Gesetzgebung, die diese und andere Arten von administrativer Verhaftung ohne Anklage oder Gerichtsverhandlung reformieren soll, wird für Ende 2005 bzw. Anfang 2006 erwartet. Amnesty International fordert von der chinesischen Regierung, dafür Sorge zu tragen, dass diese Reformen mit der internationalen Menschenrechtsgesetzgebung in Einklang stehen, insbesondere mit dem Internationale Pakt für bürgerliche und politische Rechte (ICCPR), den die chinesische Regierung zwar unterzeichnet, aber bis heute nicht ratifiziert hat.
Der folgende Fall einer Frau, die eine Umerziehungsstrafe verbüßen muß, ist ein Beispiel für Menschenrechtsverletzungen, wie sie innerhalb des RTL Systems häufig vorkommen.